Fürs Leben gezeichnet. Gefängnistätowierungen und ihre Träger
Fürs Leben gezeichnet. Gefängnistätowierungen und ihre Träger

Das Buch zur Serie wurde veröffentlicht in der Fotohof edition, Salzburg, 2011. Das Buch kann in der 'Bücher'- Sektion meiner Website bestellt werden.

Im Jahr 2003 lernte ich einen älteren obdachlosen Mann kennen, dessen Unterarme mit Tätowierungen versehen waren – Gefängnistätowierungen, wie er mir erklärte. Mein Interesse für diese Hautzeichen war geweckt und ich begann, mich auf die Suche nach Menschen mit Gefängnistätowierungen zu machen und diese zu fotografieren. Nun, fast sieben Jahre später, habe ich fast 150 Tätowierte fotografiert und zahlreiche Gespräche mit ihnen geführt. Die Ergebnisse aus der Beschäftigung mit dieser Tradition füllen mittlerweile ein Buch – ‚Fürs Leben gezeichnet. Gefängnistätowierungen und ihre Träger’. Das Buch beinhaltet mehrere Zugänge zum Thema Gefängnistätowierung- in einem Essay werden die historischen Wurzeln und soziologischen Hintergründe dieser Tradition beleuchtet, daneben bieten Fotos und Zitate einen Einblick in die Welt der Gefängnistätowierung. Im Mittelpunkt steht vor allem die Zeit der Hochblüte der Gefängnistätowierung von den 1950er bis in die 1980er Jahre. Das Tätowieren in den Gefängnissen galt zu dieser Zeit als Zugehörigkeitszeichen zur „Unterwelt“. Hinter den Zeichen verbargen sich geheime Bedeutungen, biografische Details und persönliche Vorlieben des Trägers. Durch das Verbot des Tätowierens im Gefängnis galten die Tätowierungen als sichtbarer Akt der Rebellion und Zeichen der Freiheit auf einem gefangenen Körper.


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Fürs Leben gezeichnet. Gefängnistätowierungen und ihre Träger
Fürs Leben gezeichnet. Gefängnistätowierungen und ihre Träger

Inked for life. The world of prison tattoos

Published by Fotohof edition, Salzburg, 2011. Order the book (german version!) in the 'Books' section of my website.

In 2003 I met an elderly homeless man whose forearms were covered in tattoos- prison tattoos, he explained to me. This encounter left me curious to find out more about these body ornaments and I started to look for people with prison tattoos in order to take photos of them. Over the last 7 years I have taken photographs of nearly 150 bearers of tattoos, accompanied by numerous conversations with them. The results of the confrontation with this cultural practice have since been collated in the book ‚Inked for life. The world of prison tattoos.’ This book includes different approaches to the subject of prison tattoos - an extensive essay takes a look at the historic and sociological roots of this cultural phenomenon. Furthermore, a large number of photographs and quotes offer insight into the world of prison tattoos. The focus lies in the period from the 1950s to the 1980s, the heyday of the practice of prison tattoos. Back then, getting tattooed in prison was considered to be a sign of belonging to a criminal subculture. The symbols carried secret meanings and revealed biographic details and personal preferences of the bearer. The ban on prison tattoos caused them to be regarded as a visible symbol of an act of rebellion and a sign of freedom on a captivated body.


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„Früher war das Tätowieren hauptsächlich für Leute aus dem Gefängnis eine Tradition, heute ist es überall modern. Ich sage einmal, wenn man das Tätowieren heute mit der Tradition von damals vergleicht, dann machen sich heute eine Menge Leute sehr wichtig. Es war damals nämlich nicht nur eine Tradition, sondern auch ein Zeichen, dass man zur Unterwelt gehörte. Jeder, der eine längere Strafe abzusitzen hatte, hat sich das machen müssen. Also, müssen stimmt nicht ganz, denn wenn jemand nicht wollte, dann wollte er nicht, aber fast jeder hat es sich machen lassen. Damals war ein Häfenbruder ein Häfenbruder, und der war tätowiert. Punkt. Wir waren Außenseiter und mit den Tätowierungen war der Schwur verbunden, auch Außenseiter zu bleiben.“ Herr L., 63


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"Traditionally tattooing used to be mainly for people from the prison scene, nowadays it is trendy everywhere. I'd say if you compare modern day tattooing to the old tradition, many people just feel very important nowadays. It never just used to be a tradition, you know, but it was also a sign of being part of a criminal culture. Everybody who got put away for a while just had to have some done. Well, you didn't exactly have to, if you didn't want to do it you didn't do it, but nearly everyone had some done. Criminals were criminals and they were tattooed. That was it. We were outsiders and with our tattoos we made a promise not to join the mainstream." Mr. L., 63 years


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„Früher ist am Schiff und im Gefängnis viel tätowiert worden. Darum sagt ja ein jeder, er war am Schiff, dabei war er am Schmalz. Das hat natürlich niemand geglaubt, dass der auf hoher See war. Wenn damals einer voll tätowiert war, dann haben sich die Leute alle gedacht, dass der im Häfen war. Das war schon in den Köpfen von den Leuten: tätowiert ist gleich Verbrecher. Bei den älteren Leuten überhaupt. Außerdem, das hat man ja gleich gesehen, wie das tätowiert war. Und dann waren es noch dazu die typischen Häfenstücke: die drei Punkte zwischen Daumen und Zeigefinger, das Kreuz, der Che Guevara, der Punkt im Gesicht, das Spinnennetz, Frauennamen oder Weintrauben. Das waren die typischen Häfenpeckerln.“ Herr V., 51


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"Tattooing mainly used to be common amongst sailors and prisoners.That's why people used to say they'd been out at sea when they'd been in prison really. Obviously no one believed them. If somebody was covered in tattoos people knew he'd been in prison. It was imprinted in people's minds, tattoos equals criminal, especially amongst the older generation. You could also tell by the way they were done and there was a certain type of pictures which was only done in prisons. Three dots between the thumb and index finger, a cross, Che Guevara, a dot on the face, a spider's web, women's names or a bunch of grapes. All these used to be typical prison tattoos." Mr. V., 51 years


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"Das Tätowieren im Gefängnis ließ sich absolut nicht unterbinden, nicht einmal ganz früher, in den 1970er Jahren, als Tusche noch nicht erlaubt war und es keine Nadeln gab. Dann haben wir uns die Sachen einfach selbst gemacht. Zum Beispiel die Farbe, die haben wir so gemacht, dass wir vom Gummiabsatz der Gefängnisschuhe ein Stück herunter geschnitten haben, das haben wir angezündet und den Blechnapf darüber gehalten und da hatte man dann eine Russschicht oben. Die Russschicht haben wir dann mit Zahnpasta oder Haarshampoo vermischt und damit wurde dann tätowiert. Die rote Farbe war aus Ziegelstaub, den wir aus den Gefängniswänden herausgeholt haben. Und die Nadeln waren oft angespitzte Büroklammern, Drahtstücke oder Gitarrensaiten.“ Herr J., 57 Jahre


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"There was no way of stopping people having tattoos done in prison, not even back in the 70's when we weren't allowed ink and needles weren't available. We just made all the stuff ourselves. The colour was made by cutting a piece off the rubber sole of our prison shoes, burning it and covering it with a tin bowl which created a layer of soot on top. We mixed the soot with toothpaste or shampoo. The red colour was made using brick dust which we scraped off the prison walls. Our needles were usually sharpened paper clips, pieces of wire or guitar strings." Mr. J., 57 years


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„Meine Tätowierungen sind alle vom Schmalz. Von heraußen ist nichts, kein einziges. Das ist jetzt 30 Jahre her, das war damals üblich drinnen im Knast. Da waren fast alle tätowiert. Wie ich das erste Mal drinnen war, da habe ich mir halt auch etwas machen lassen. Dann ist immer wieder einmal etwas dazugekommen und die alten Stücke haben wir auch ausgebessert, weil die Farbe herausgegangen ist. Nachher habe ich mir schon gedacht, dass das ein Blödsinn war. Aber da war es schon zu spät. Heute würde ich mir keines mehr machen lassen, nicht einmal von einem richtigen Tätowierer. Aber wenn man es einmal hat, dann kann man ja nichts mehr machen.“ Herr H., 66


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"All my tattoos are from my time in prison. None of them are from when I've been outside, not a single one. That was 30 years ago, it's just what people used to do in prison. Nearly everyone was tattooed. When I was inside for the first time I had some done too. I just kept adding to them and went over the old ones when the colour started to fade. I kind of started to regret it afterwards but then it was too late. I wouldn't have any done now, not even by a professional, but once you've got them, you're stuck with them." Mr. H., 66 years


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„Teilweise sind die Tätowierungen sicher Erinnerungen. Das Stück am Rücken zum Beispiel, der Spruch „Oh Herr, beschütze mich vor meinem Freund. Vor meinem Feind schütze ich mich selbst“, das hat die Situation damals einfach genau getroffen. So ist es mir gegangen in dem Moment. Das war ein Jugendfreund, mit dem ich aufgewachsen bin, und der hat mich bei der Polizei verraten. Das hat mich ziemlich umgehauen. Hinterher bin ich im Knast gesessen und habe den Spruch gesehen. Da habe mir gedacht, dass der so genau auf die Situation passt, dass ich den einfach haben muss. Darum habe ich mir den Spruch auf den Rücken machen lassen.“ Herr G., 39


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"To some extent tattoos are memories. The one on my back, for example, 'Lord, save me from my friend. I'll protect me of my enemy myself', exactly described my situation, that's just how I felt at the time. It was about a friend I grew up with who got me into trouble with the police. It really hit me hard. I read this line when I was in prison afterwards and  I thought it exactly described my situation. That's why I had it tattooed on my back." Mr. G., 39 years


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„Ich war mein Leben lang im Häfen. Ich bin 57 Jahre alt und war davon 29 Jahre im Häfen. Ich war immer gefährlich, aber andererseits auch jung, lieb und deppert. Ich war in Stein, in Garsten, in der Karlau, ich war überall. Ich habe mein Leben im Häfen verschissen. Die meisten Strafen habe ich bekommen, weil ich meinen Freunden geholfen habe. Ich war mit Sicherheit 15 Jahre umsonst für die Freunde drinnen. Jede Tätowierung von mir ist mit Schmerz verbunden. An jeder einzelnen hängt eine schmerzvolle Erinnerung an die Zeit im Knast.“ Herr R., 67


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"I've spent most of my life in prison. I am 57 years old and I spent 29 of them inside. I used to be dangerous but then again I was young, kind and a quite silly. I've been in 'Stein', 'Garsten' and in 'Karlau' (federal prisons in Austria), I've been in all of them. I've wasted my life in prison. I got most of my sentences for helping my friends. I must've spent at least 15 years inside for friends. Each one of my tattoos is all about pain. Each one of them is a painful memory of my time in prison."

Mr. R., 67 years


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„Ich habe wegen den Tätowierungen immer Schwierigkeiten gehabt, wenn ich nicht im Gefängnis war. Drinnen war es egal. Im Gegenteil, drinnen hatte man es damals sogar leichter und war respektiert, wenn man viele Stücke gehabt hat. Heraußen habe ich die ganze Zeit versucht, eine Arbeit zu finden, aber nirgends haben sie mir eine Chance gegeben, weil ich tätowiert war. Vor allem wegen den Stücken auf den Händen. Weiter oben war es nicht so wichtig, weil ich ein Hemd darüber anziehen konnte. Aber vorne konnte ich es nicht verdecken. Ich habe das ja als junger Bub schon gehabt. Das war nicht so wie heute. Da kümmert es bei einer Arbeitsstelle niemanden mehr, weil heute ja fast jeder tätowiert ist. Damals hat man gesagt, wenn einer tätowiert ist, dann ist er gekennzeichnet als Häfenbruder. Deswegen habe ich auch probiert, die Tätowierungen auf einer Hand mit Salzsäure zu entfernen.“ Herr O., 60


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"My tattoos always used to get me into trouble, whenever I wasn't in prison. It didn't matter inside, life was much easier and you were more likely to be respected if you were covered in tattoos. Outside, though, I was looking for work most of the time and people didn't give me a chance because of my tattoos, especially when they saw the ones on my hands. It didn't matter further up on my arms, cause I could cover them up with a shirt. I couldn't hide the ones on my hands though. I had them when I was just a boy. It used to be different back then, nowadays nobody cares at work cause tattoos are a lot more common. They used to say tattoos were a sign of being a criminal. That's why I've tried to remove mine with acid." Mr. H.O., 60 years


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„Ich habe mir im Heim die ersten Peckerln machen lassen, da war ich zwölf Jahre alt. Dann hat es bald mit der Haft angefangen, also mit dem Gefängnis halt, und da ist es weitergegangen. Die Leute haben darauf oft ungut reagiert und ablehnend. Das war natürlich klar, vor allem bei den ersten, weil, wenn man in die Schule geht und ein kurzes Leiberl trägt, und dann hat man mit zwölf, dreizehn Jahren schon Tätowierungen auf den Armen, das war schon ein bisschen auffallend. Der Lehrer und der Direktor haben mich gefragt, was da los ist, und was ich da gemacht habe, und haben gesagt, dass das heraus genommen gehört. Aber ich bin stur geblieben und habe mir nichts herausmachen lassen, obwohl ich es gratis entfernen lassen hätte können. Aber ich wollte einfach nicht. Das hat mir damals auch gefallen, dass die Leute sich so aufregen darüber. Das Tätowieren war für mich eine Art Rebellion.“ Herr W., 50


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"I was in a home when I had my first tattoos done. I was 12 at the time. I soon started getting locked up, and it all carried on from there. People's reactions were often negative and disapproving. It was obvious, especially at the beginning, because if you wear a short sleeved shirt for school and you have tattoos on your arms at the age of 12 or 13 it really makes you stand out. The teachers and the headmaster asked me what was wrong with me and what on earth I'd done and they asked me to get rid of them. I was stubborn though and stayed firm even though I could have had them removed for free. I didn't want to though. I really enjoyed it back then, all the fuss people made. Tattoos were my way of rebelling." Mr. W., 50 years


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